Kolumnen

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DAS WAR’S!   WAR’S DAS?

28.12.09

Das war’s! Das Jahr ist so gut wie gelaufen. Wieder ein Jahresring mehr (für manchen auch sichtbar um die Hüfte). Abgehakt und vorbei. Manch einer wird froh sein, dass 2009 überstanden ist: das Jahr mit den großen und kleinen Krisen, mit persönlichen Erfolgen und schmerzenden Niederlagen,  mit Gewinn und Verlust, erfüllten Hoffnungen und geplatzten Träumen.

Aber war’s das wirklich? Kann man das Vergangene, im Guten wie im Schlechten, einfach so abschütteln und zur Tagesordnung übergehen? Was in der Hektik des Tagesgeschäfts störend ist und ausgeblendet wird, meldet sich, wenn wir zur Ruhe kommen, oft umso beharrlicher wieder: Begegnungen, die nachklingen; Verletzungen, die wehtun; Schuld, die nicht einfach wieder gut gemacht werden kann. Bei denen, die bis in die Fußspitzen aktiv sind, kommt das vielleicht nur vor dem Einschlafen oder in den Träumen hoch, bei anderen, die plötzlich oder endlich viel Zeit haben, ist das Gewesene und scheinbar Vergessene umso gegenwärtiger, manchmal auch bohrender. Was bleibt von all dem, was man getan, worum man sich gesorgt, was man geliebt hat? Was kann man mitnehmen von all dem, wenn die Kinder aus dem Haus, die Berufstätigkeit zu Ende, der Lebenspartner gegangen ist?

Wenn meine Eltern von früher erzählen, dann kommen dort immer wir, die Kinder, vor. Die glücklichsten Jahre meiner Eltern, so scheint es, waren ausgerechnet jene, wo sie sich am meisten für uns Kinder krumm gelegt, Zeit und Geld und vor allem Nerven geopfert haben. Eine ganz erstaunliche Lebensbilanz, wie ich finde: Was gegeben ist, bleibt. Was an Liebe investiert ist, kommt mit Zinsen zurück. Amo ergo sum – „ich liebe, also bin ich“: Lebensglück hängt letztlich davon ab, ob und wie ich mich für etwas oder jemanden eingesetzt habe.

Ich wünsche uns, dass das nun zu Ende gehende Jahr uns nicht ärmer macht an Lebenszeit, sondern reicher an Lebensglück. Dass all das bleibt und mit Zinsen zurückkommt, was wir an Liebe investiert haben. Und wo wir auf dem Lebenskonto ins Minus gerutscht sind, bleibt die Aussicht auf ein neues Jahr – wenn wir so wollen: auf eine Zeit, die bleibt.

WIR SIND DABEI!

16.11.09

Die Luft vibriert. Die Stimmung ist am Siedepunkt. Keinen hält es auf den Stühlen. Das rhythmische Klatschen und Singen der tausend Jugendlichen klingt wie ein feierliches Versprechen: „I’ll be there“ – Ich bin dabei, wenn es darum geht, sich nicht mit Gewalt durchzusetzen, sondern Verständigung zu suchen und auf Ausgleich zu setzen. Höhepunkt der Schulprojektwoche „Stark ohne Gewalt“ mit den zehnten Klassen aus Realschule und Gymnasium des Schulzentrums Asseln ist der Konzertabend mit den Musikern der International Performance Group GenRosso, die eine Woche mit 250 Jugendlichen in workshops das Musical „Streetlight“ einstudiert haben. Am Ende waren alle auf der Bühne, und mehr als das stolze Gefühl, einmal im Rampenlicht zu stehen, wiegt die nachhaltige Lernerfahrung, dass positives Denken, investiertes Vertrauen und konstruktives Miteinander tatsächlich die Welt verändern können. 

Es ist das jüngste Projekt der Kommende, des Sozialinstituts der Katholischen Kirche in Dortmund, die morgen ihren 60. Geburtstag feiert, und sie hat allen Grund, auch weiterhin aus Überzeugung in dieses Lied anzustimmen: Wir sind dabei, wenn es gilt, für eine solidarische Gesellschaft und den Wert zivilgesellschaftlichen Engagements einzutreten. Wir sind dabei, wenn es gilt, Maßstäbe für ethisch verantwortliches Handeln aufzuzeigen und die Akteure in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft darin nach Kräften zu unterstützen. Wir sind dabei, wenn es heute angesagt ist, neue Ideen zu entwickeln und mit ins Rad zu greifen, damit Leben einen Sinn bekommt und unsere Welt ein menschliches Gesicht.  

Mit ihrer Stiftung beneVolens für sozial benachteiligte Jugendliche macht sich die Kommende - punktgenau zu ihrem Jubiläum -  selbst das größte Geschenk: eine Investition in die Zukunft. Denn die Kinder und Jugendlichen von heute sind die Verantwortungsträger von morgen. Was kann uns also Besseres passieren, wenn Jugendliche voller Begeisterung und Leidenschaft mit einstimmen in unseren gesellschaftlichen Aufbaupakt: I’ll be there – Ich bin dabei. Happy birthday, Kommende! Dortmund kann stolz auf sie sein.

EINIG VATERLAND?

5.10.09

Berlin. Feuerwerk und Volksfeststimmung. Tag der Deutschen Einheit. Bilder der Vergangenheit drängen sich auf: jubelnde Menschen auf der Mauer, Fremde liegen sich in den Armen, Trabbis brechen zur Erkundungsfahrt in den Westen auf. Über allem die Ahnung, jetzt endlich könne zusammenwachsen, was zusammen gehört. „Deutschland einig Vaterland.“

Zwanzig Jahre später: Die Jugendlichen, mit denen ich gestern noch durch das Brandenburger Tor ging, waren noch nicht einmal geboren, als seinerzeit die Mauer fiel. Der „Tränenpalast“ von einst, Ort bewegender Abschiedsszenen, ist heute eine Baustelle. Neue Bürohäuser und Einkaufspassagen schießen aus dem Boden. Das Leben geht auch über die großen Momente der Geschichte hinweg. Auch über die großen Ideale? Haben wir heute noch einen Vorrat an Gemeinsamkeit, an Ideen, an Hoffnungen, die uns verbinden? Wie einig ist heute unser Vaterland? Hat nicht der Lagerwahlkampf der letzten Wochen gezeigt, wie verführerisch es ist, sich selbst ins rechte Licht zu setzen - auf Kosten der anderen?

Es ist an der Zeit, dass wir uns auf das große gemeinsame Erbe besinnen, gewachsen auf dem Boden des Christentums, aufbauend auf Werten wie Treue und Vertrauen, Anstand und gegenseitiger Achtung, Ehrlichkeit und Verantwortungsbereitschaft. Man „ist“ kein einig Vaterland, man „wird“ es: indem man sich dem anderen aussetzt, sich mit ihm auseinandersetzt, sich für das Miteinander einsetzt. Das wäre in der Tat ein konstruktiver Beitrag zum Mauerfall-Jubiläum.   

Was als romantisches Sehnsuchtsideal einst politische Kraft entwickelt und die nationalen Realitäten verändert hat, muss auch heute, zwanzig Jahre danach, immer noch kulturell und existentiell eingeholt werden: „Wir sind ein Volk“. Damit verbunden wäre die Einsicht, dass uns als Menschen immer schon mehr eint, als uns je trennen kann, und die Erkenntnis, dass wir in den Augen Gottes bereits das eine Volk sind, zu dem wir doch - nach irdischem Maßstab - ein Leben lang unterwegs sind. Es wäre der Mühe wert, auf diesem Weg entschlossen voranzuschreiten.

Von wolkigen Aussichten und nützlichen Seilschaften

24.08.09

„Schau mal, die schönen Wolken!“ Ein Ausruf der Bewunderung, mit dem mein Vordermann im Seil unvermittelt stehen blieb. Auf 3.700 Meter Höhe und nach 7stündigem Gletscher-Aufstieg hatte ich allerdings kein Auge für die Schönheiten der Natur, denn der Gletscher wurde bereits weich und Wolken kündigten schlechtes Wetter an. Als wir schließlich den Grat erreicht hatten, war der Nebel so dicht, dass ich den Anführer unserer Seilschaft nicht mehr erkennen konnte, geschweige denn eine Wegmarkierung. Damit war an eine Gipfel-Besteigung nicht mehr zu denken und der Rückweg über den Gletscher abgeschnitten. Blieb nur der Abstieg jenseits des Grats, indem wir den Spuren anderer Bergsteiger im Schnee zurückverfolgten. So kamen wir schließlich zur Hütte und bezogen Quartier.

Eine Begebenheit aus früheren Jahren, die mir im Urlaub in den Sinn kam: amüsant, wenn man wieder in der Zivilisation angekommen ist, aber höchst unbequem, wenn man in eisiger Höhe im Nebel steht und weder vor noch zurück weiß. Dann erst lernt man das Glück menschlicher Verbundenheit zu schätzen: mit anderen unterwegs zu sein, denen man vertrauen und sich bedenkenlos anvertrauen kann. Genauso wie im „richtigen Leben“, wo es ja auch manche Gratwanderungen und Unübersichtlichkeiten gibt. Wir mögen davon träumen, frei und ungebunden, unanhängig und keinem verpflichtet zu sein. Doch wenn es hart auf hart kommt, wenn schwere Entscheidungen anstehen oder Schicksalsschläge uns treffen, dann sind wir dankbar für solche „Seilschaften“. Darin zeigt sich letztlich wahres Menschsein: aus der Verbundenheit mit anderen leben und die Verbindung zu denen nicht abreißen lassen, die auf unser Mitgehen angewiesen sind. Nicht anders die Erfahrung des Glaubens, der sich auf den Gratwanderungen des Lebens und in Zeiten der Ungewissheit von einem Anderen gehalten und getragen weiß. Glaubensgemeinschaft als Seilschaft, über Höhen und Tiefen hinweg, dem Gipfel zu, mit neuen, ungeahnt herrlichen Aussichten.

Und plötzlich tut sich die Erde auf 

13.07.09

In Kamen tut sich die Erde auf. Nein, kein Höllenschlund, wie dies in apokalyptischen Horrorszenarien immer wieder ausgemalt wurde, und nein, es sind auch keine neuen Bergschäden, an die wir uns in dieser Region ja gewöhnt haben. Da hat jemand schlicht die Erde angezapft, um ihr die Wärme zu entziehen, und muss nun überrascht feststellen, dass die Erde sich wehrt, mit unsichtbaren Armen nach ihrem Peiniger greift und ihn in die Tiefe zu ziehen droht

Zum Glück ist die Geschichte noch einmal halbwegs gut ausgegangen, sieht man davon ab, dass das ein oder andere Haus jetzt einsturzgefährdet ist. Aber Menschen sind gottlob nicht verletzt worden, anders als beim Beben der Erde in jener Gegend, wo dieser Tage der Trümmergipfel der führenden Wirtschaftsnationen stattfand.

Die Mächtigen dieser Welt vor den Trümmern kosmischer Gewalten:  eine symbolträchtiges Bild,  das eindrucksvoll die Begrenztheit menschlichen Handelns vor Augen führt, zugleich ein fragwürdiges Mittel, um das Leid der Menschen für die Weltöffentlichkeit zu inszenieren und zur Solidarität mit den Opfern anzuhalten. Aber die Kulisse der zerstörten Stadt macht vor allem deutlich, dass die Welt sich als Schicksalsgemeinschaft begreifen muss, um nachhaltig das Zusammenleben der Völker und das Überleben der Menschheit zu sichern. Dazu passt, dass Papst Benedikt XVI. am Vorabend des Gipfels in seiner Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ die Politiker dazu aufruft, bei der Lösung der globalen Probleme die notwendigen ethischen Grundlagen nicht zu vergessen. Und er ermutigt alle Menschen guten Willens, sich als Gestalter, nicht als Opfer derzeitiger Entwicklungen zu sehen. Aufbauarbeit ist angesagt, nicht nur in L’Aquila, damit die Menschen auch menschenwürdig leben können: überall und jederzeit. Und natürlich auch am Bohrloch von Kamen.

Mensch, wo bist du? 

25.05.09

Es ist schon bemerkenswert, dass der Gott der Christen – und Juden – mit einer Frage daher kommt. Noch dazu, dass er nach dem Menschen fragt, den er doch erschaffen hat und dessen Lebenswege ihm keineswegs unbekannt sind! Der Evangelische Kirchentag in Bremen, der gestern zu Ende gegangen ist, hat just in Zeiten von Wirtschaftskrise und  Werteverfall daran erinnert, dass Gott es ist, der sich auf die Suche nach dem Menschen macht, heute wie damals nach dem ersten Sündenfall: „Mensch, wo bist du?“.

Die Programmansage des Kirchentags liest sich wie die Kurzform eines Glaubensbekenntnisses: Wir glauben an einen Gott, der nach dem Menschen fragt. Gott hat ein Interesse am Menschen: dass er nicht geduckt und nicht verschämt durchs Leben geht, sondern dass er sich aufrichte und zu seiner wahren Größe finde - als Gottes Gegenüber. Und höchst bemerkenswert: Wo der Mensch nicht (mehr) nach Gott fragt und meint, auch ohne ihn zurecht zu kommen, ist es Gott selbst, der wie einst im Paradiesesgarten dem Menschen nachgeht, der sich in sich selbst verschließt, aus Angst und aus Scham.

„Mensch, wo bist du?“ Wäre das nicht auch ein Programm für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, im privaten wie im öffentlichen Leben: dass vom Kirchentag der Impuls zu einer neuen Kultur des Miteinanders ausginge, geprägt vom aufrichtigen Interesse am anderen und dem Respekt auch vor der Andersheit des anderen?! Das wäre allemal zielführender, als mit erhobenem Zeigefinger auf (vermeintlichen) Schwachstellen des anderen zu beharren und ihn öffentlich bloßzustellen. Es wäre zudem ein zutiefst ökumenisches Signal: das Bemühen um Verstehen und Verständigung auch zwischen den Konfessionen und Religionen. Das illustrieren nicht zuletzt auch jene Bilder aus Jerusalem: ein Papst in weißen Socken im Felsendom; der Pontifex mit seinem Gebetszettel, verloren vor der Mauer der Klage in Jerusalem. Eine kleine, anrührende Geste, die doch genau unterstreicht, dass da ein Kirchenführer nicht mit dem Imponiergehabe weltlicher Potentaten auftritt, sondern als demütiger Pilger daherkommt, der einen Bruder und Freund aufsucht, einen Menschen, mit dem ihn immer schon mehr verbindet als trennt.

Palmsonntag - oder: Deutschland sucht den Superstar

06.04.09

Vorgestern an der Fußgängerampel. Mein Blick bleibt an einer Plakatwand hängen. Darauf das großflächig plakatierte Bekenntnis von Thomas Gottschalk. “BILD hat mich erst zur Schnecke gemacht und dann zum ‘Titan’! Wer in Deutschland was werden will, muss da durch!”

Da schreibt Deutschlands bekanntester Entertainer mit erstaunlicher Offenheit von seinen Ambitionen, sich von dem Blatt mit den roten vier Buchstaben hochjubeln zu lassen - auch um den Preis der  öffentlichen Demontage. Seine Leidensfähigkeit in Ehren, aber muss man sich das antun, um in Deutschland oder sonst wo was zu werden? Muss man da durch, um von anderen wahrgenommen, gelobt, geliebt zu werden?

Der Palmzweig, den ich auf dem Weg vom Gottesdienst noch in den Händen halte, lehrt mich da etwas ganz anderes: Du bist schon wer, egal, was die anderen von dir denken oder sagen. Die öffentliche Meinung kann grausam sein, unbarmherzig und ungerecht. Unser „Jesus Christ Superstar“, auf den die ganze Christenheit in dieser Karwoche blickt, musste das selbst am eigenen Leib erfahren: die Hosianna-Rufe, die bei Bedarf alsbald umgebogen werden in wütende Proteste: Kreuzigt ihn! Weg mit ihm! Macht ihn fertig! Stammtischparolen von damals, in jeder Hinsicht gemein und haltlos, aber wirkungsvoll.

Der aufrechte Gang dieses Menschen, auch auf seinem Kreuzweg, lehrt mich, dass wir uns nicht inszenieren, von anderen hochjubeln noch niederschreien lassen müssen. Wir sind schon wer! In den Augen Gottes haben wir eine Würde, die uns niemand nehmen kann, selbst dann nicht, wenn wir lauthals und demonstrativ zur Schnecke gemacht werden.

Immerhin verrät Herr Gottschalk humanistische Bildung, wenn er sich in der dünnen Luft der Titanen wähnt, jenem alten Göttergeschlecht der griechischen Mythologie. Aber aufgepasst, denn der Kampf der Titanen endete tödlich: in der griechischen Hölle, dem Tartaros, aus dem es kein Entrinnen gab.  Da gehe ich doch lieber meinen eigenen Weg - im Blick auf den, der jenseits aller hochjubelnden oder verdammenden Urteile das Geheimnis der Erlösung bereits in sich trägt.

Helden in der Krise

02.03.09

Flughafen Wien, Abflughalle, Terminal B. Vor dem Bildschirm drängen sich die Fluggäste. Doch es ist nicht die Anzeigetafel mit den An- und Abflugzeiten. Es sind Bilder aus Amsterdam, die dort zu sehen sind: eine am Boden zerschellte Boing der Turkish Airlines. Menschen, in Decken gehüllt, medizinisch und psychologisch betreut. Aber sie leben. Ein Wunder, dass die Maschine beim Aufprall nicht explodiert ist. Ein Wunder, dass fast alle Passagiere sich retten konnten. - Später wird man hören, dass der Pilot nach dem Ausfall der Triebwerke eine schwebende Landung auf dem aufweichten Acker versucht hat. Damit hat er vermutlich den meisten das Leben gerettet. Er selbst hat diese Tat mit dem Tod bezahlt. Ein Held?

Es ist still in der Abflughalle in Wien. Die Gedanken wohl der meisten Passagiere gehen zu ihrem eigenen Flug. Ein mulmiges Gefühl, wenn die so lässige Selbstverständlichkeit, mit der man ein Flugzeug besteigt, unvermittelt dem Gedanken weicht, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt - nicht im Haushalt, nicht auf der Straße, nicht in der Luft. Die so cool nach außen getragenen Allmachtsgefühle zeigen unversehens feine Risse, und es kommt einem zu Bewusstsein, wie wenig wir unser Leben im Griff haben, wie sehr wir überall voneinander abhängig und  aufeinander angewiesen sind: dass der andere einen guten Job macht, dass er verantwortungsvoll, vertrauenswürdig, rücksichtsvoll ist - nicht nur in der Luft. Und was man von anderen erwartet, das schlägt auch auf einen selbst zurück: die Verantwortung, die man selbst auch für das Wohl und Wehe anderer hat, angefangen bei Alltagsbeziehungen und Alltagspflichten.  

Man mag sich fragen, was dem Piloten in der Kanzel, was den Passagieren in der Unglücksmaschine in jenen dramatischen Minuten durch den Kopf gegangen ist. Von einem anderen Helden, dem Piloten, der die Notwasserung auf dem Hudson River in New York gemeistert und das Leben aller Passagiere gerettet hat, weiß man es. Auf die Frage, ob er in jenen Schrecksekunden gebetet habe, sagte er: Ich musste mich in diesem Moment ganz auf die Notlandung konzentrieren, aber ich war sicher, dass hinten in der Kabine jemand für mich gebetet hat.

Hoffnung auf Gerechtigkeit

02.01.09

SMS aus Chicago: „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Am 5,24) Millionen Gebete seien erhört worden, so schreibt mir Grete zur Amtseinführung Obamas. Typisch amerikanisch, könnte man denken, diese überschwängliche Begeisterung, die immerhin zwei Millionen Menschen in klirrender Kälte hinausgelockt hat. 

Aber dass Millionen im Mutterland des American Dream darauf hoffen, dass endlich der Traum von „Recht und Gerechtigkeit“ wahr wird, macht doch nachdenklich. Hinter der Fassade demonstrativer Stärke und zur Schau gestellten Erfolgs tut sich ein Abgrund an sozialen Unterschieden und menschlichem Elend auf. Umso beeindruckender, dass sich da in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine Volksbewegung formiert, an deren Spitze ein Präsident die Enttäuschten, Benachteiligten, Verunsicherten auffordert, sich nicht in der Opferrolle zu gefallen, sondern die Ärmel aufzukrempeln und die Herausforderungen anzunehmen. Der die Selbstbedienungsmentalität in Chefetagen und Regierungskreisen geißelt und das Volk dazu aufruft, Verantwortung zu übernehmen.

Wäre das nicht auch ein Programm für uns in Deutschland? Dass wir das Soziale neu denken, uns anstecken lassen vom Virus des „Yes we can“: wo Nachbarschaftshilfe und Gastfreundschaft einen guten Klang haben; wo wir uns den Luxus der Großzügigkeit leisten und mit den Schwächeren und Langsameren Geduld aufbringen. Was nützt uns eine Leistungsgesellschaft, in der das Menschliche auf der Strecke bleibt?

Eigentlich hätte auch Grete, mit den Obamas persönlich bekannt, auf der Ehrentribüne sitzen sollen. Doch sie hat kurzerhand ihr Ticket für einen wohltätigen Zweck versteigert. Und während die historischen Bilder aus Washington um die Welt gehen, gibt sie in der Suppenküche der Franziskaner für 250 Obdachlose Essen und warme Getränke aus. „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Da wird die Hoffnung bereits Wirklichkeit.


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