Kolumnen

Ein Wintermärchen

La terre vue du ciel“ – „Die Erde, vom Himmel aus gesehen“: eine geradezu himmlische Musik, zu der das deutsch-französisch-ukrainische Traumpaar auf dem olympischen Eis getanzt hat und mit Gold belohnt wurde. Gut vorstellbar, dass auch der Herr des Himmels mit großem Wohlgefallen auf die Erde geschaut hat: mit Bewunderung für das harmonische Zusammenspiel dieses Paares, das mit traumwandlerischer Leichtigkeit die spektakulärsten Pirouetten und gewagtesten Sprünge sicher und souverän meisterte.

Was so schwebend leicht aussieht, wie von Zauberhand geführt, ist in Wirklichkeit hart erarbeitet. Und diese Arbeit erschöpft sich nicht in jahrelangem Training und dem Verzicht auf manche Annehmlichkeit. Die eigentliche Herausforderung besteht vor allem darin, dem anderen voll vertrauen, sich ganz auf ihn zu verlassen, sich ihm mit seinen Grenzen zuzumuten und auch dessen Patzer und Ausrutscher klaglos hinzunehmen, ohne Vorhaltungen und Distanzierung.

Paarlauf als Tanz auf dem Eis: eine märchenhafte Parabel für unser menschliches Zusammenleben, auch in der Politik. Was wäre das für ein Zeichen von Vertrautheit, aber auch menschlicher Größe, wenn Olaf Scholz etwa Andrea Nahles kunstvoll durch die Luft bugsierte, sie immer wieder auffinge und unter dem Beifall des ganzen Publikums mit großer Eleganz seine Runden drehte! Oder Angela Merkel mit Emmanuel Macron im Zweierbob: als europäisches Duo im Eiskanal unserer Zeit. Die Maulhelden aus dem extremistischen Lager könnte man ja erst einmal auf die Langlaufpiste schicken, wo sie dann auch auf Pappscheiben schießen könnten und sich so miteinander messen und im fairen Wettbewerb beweisen müssten. Und auch für Selbstdarsteller wäre in diesem olympischen Politzirkus genügend Platz. Da könnten die Trumps, Putins und Erdogans dieser Welt am Snowboard ihre Saltos schlagen und um die Gunst des Publikums buhlen.

La terre vue du ciel“ – „Die Erde, vom Himmel aus gesehen“: Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang sind gestern zu Ende gegangen, aber das Paarlaufen in unserem Alltag geht weiter. Ich würde mir wünschen, der Herr des Himmels hätte auch dann noch Grund genug, mit Wohlgefallen auf unser Zusammenspiel zu schauen, animiert und inspiriert von einer Melodie des Himmels.


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