Monatskolumne

Ihr schafft das!

Lieber Hussein,

diesmal schreibe ich Dir aus den USA, wo ich ein Auslandssemester in Minneapolis verbringe. Ich habe im Internet gelesen, dass Du mittlerweile beim SV Brackel 06 Fußball spielst. Meinen Glückwunsch dazu und mein Kompliment an den Verein, der Dir die Möglichkeit gibt, Dich einzusetzen, sportlich, aber auch kommunikativ im Zusammenspiel mit Deiner Mannschaft - auf dem Platz, beim Training, vielleicht auch in der Freizeit. Ähnliches habe ich von Hassan gehört, den eine Mitarbeiterin der Kommende zufällig bei der Freiwilligen Feuerwehr angetroffen hat; auch er interessiert, engagiert und, wie es aussieht, völlig integriert.

Nicht Wir schaffen das!, diese politisch missbrauchte, mit moralischer Entrüstung lautstark bekämpfte Floskel. Nein! Ihr schafft das!, die ihr unter Leiden und Gefahren dem Bürgerkrieg entkommenen und schließlich bei uns gestrandet seid; wir können nur Hilfestellung leisten. Und Ihr könnt stolz darauf sein, dass Ihr in wenigen Monaten bereits so gut Deutsch gelernt habt; dass Ihr Euch nicht habt hängen lassen und dem Verlust Eurer Heimat, Eurer Familie, Eurer Lebensgewohnheiten … hinterher trauert. Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war. Das müssen wir, die wir hier in unserem schönen Deutschland aufgewachsen sind, auch lernen. Denn auch unsere Welt hat sich verändert.

Das mag man bedauern, dagegen kann man protestieren, und Ihr dürft Euch nicht wundern, dass auch hier manche nostalgisch auf vermeintlich gute alte Zeiten zurückblicken, die so nie wiederkommen. Je schneller wir lernen, uns darauf einzustellen, dass wir nicht nur touristisch in der ganzen Welt zu Hause sind, sondern die Welt auch zu uns nachhause kommt: eine Welt, in der die Grenzen offen sind und Menschen aus anderen Ländern, Kulturen und Sprachen zu uns kommen und manche auch bei uns bleiben, desto eher und besser werden wir auch mit diesen Herausforderungen zurechtkommen.

Unsicherheit und Angst sind Gefühle, gegen die man nicht argumentieren kann. Das merken wir momentan ja auch in unserer politischen Landschaft. Aber wenn ich jemanden persönlich kenne, mit ihm in der Fußballmannschaft gemeinsame Siege feiere und über Niederlagen weine, schwindet das Gefühl der Fremdheit und wächst – nicht von heute auf morgen, aber doch allmählich - ein Gefühl der Vertrautheit, erwachsen Respekt und gegenseitige Achtung– und oft auch persönliche Freundschaften.


Ruhr Nachrichten
24. Oktober 2016

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