Monatskolumne

Wahre Größe

Sehnsucht nach Größe - eine menschliche Regung, möchte man meinen. Wer will sich schon bewusst klein machen und riskieren, von anderen übersehen zu werden. Sich endlich wieder zur eigenen Größe aufrichten, so dass andere zu einem aufschauen (auf die man dann auch herabschauen kann): „Make America great again!“ - ein ganzes Volk, oder jedenfalls ein halbes, so scheint es, lechzt geradezu danach, endlich wieder groß zu sein. Es ist der mit der Zeit ziemlich verblasste „Amerikanische Traum“, der wieder aufgebläht und von einem neuen Präsidenten beschworen wird. Ob er, wie er selbst es sieht, einen Traumjob macht oder sich letzten Endes als Traumtänzer erweist, steht noch dahin. Aber das Programm klingt doch sehr nach Kindergeburtstag, wie wenn ein Junge oder Mädchen sich vorlaut-trotzig nach vorne drängt und das größte Tortenstück für sich beansprucht – in der Überzeugung, dass es ihm bzw. ihr zusteht. „Ich zuerst!“ - „America first!“

Nun findet rücksichtsloses Drängeln ja – weiß Gott! – nicht nur jenseits des Ozeans statt. Was bis vor kurzem noch als „Ellbogengesellschaft“ gebrandmarkt wurde, so hat man den Eindruck, wird mit einem Mal wieder salonfähig. Ja es gilt geradezu als bürgerschaftliche Pflicht, sich ungeniert (vermeintlich zum Wohle aller) nach vorne zu schieben – und damit andere in den Hintergrund zu drängen.

Wenn es um den eigenen Vorteil geht (pathetisch: für das Volk, die eigene Religionsgemeinschaft oder Wählerschaft), scheint es legitim zu sein, Anstandsregeln außer Kraft zu setzen und von Prinzipien einer Tugend- oder Verantwortungsethik abzusehen.

„America first!“ - Man könnte dagegen setzen: „Britain first“ – Deutschland, Europa oder schlicht: wir zuerst zuerst!“ … Ist das nun der Ausweis wahrer Größe? Es ist bemerkenswert, dass jene Sehnsucht nach Größe (und der erklärte Wille, andere klein zu machen) mit einem Eid auf die Bibel (sogar auf zwei Bibeln) besiegelt wurde. Vielleicht sollte man, bevor man sich zu so einem demonstrativen Akt entschließt, zunächst einmal hineinschauen, was in der Bibel steht: „Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Dienende.“ (Lk 22,25f) Wahre Größe, so lernen wir, ist jedenfalls keine Frage von Macht und großspurigen Versprechungen. Sie zeigt sich da, wo jemand von sich absieht und den anderen, seinen Wert und seine Würde wahrnimmt und die eigenen Talente, Begabungen – und ja: auch seine Macht für und nicht gegen andere einsetzt. Und das nicht nur in Amerika!


Ruhr Nachrichten
23. Januar 2017

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