Monatskolumne

ich schenk Dir mein Herz ...

Neulich auf dem Weihnachtsmarkt am Glühweinstand. Lachen und Lärmen. Dichtes Gedränge. Entspannte Atmosphäre. Mitten in all dem Trubel erzählt mir ein Freund von Chantal: 25 Jahre, studiert Kommunikationswissenschaften und spielt Hockey in der Bundesliga, als Torfrau beim Bremer HC. Was kaum einer weiß: sie lebt mit einem neuen Herzen. Als Kind hatte sie eine Herzmuskelentzündung und war an ein Kunstherz angeschlossen, bis der erlösende Anruf kam und ihr ein Spenderherz eingepflanzt wurde.

Wie fühlt sich das an: leben mit einem neuen Herzen? Leben, weil ein anderer gestorben ist. Leben, weil ein anderer sein Herz geschenkt hat. Vermutlich hatte er einen Organspenderausweis in der Tasche, als er verunglückte. Mir kommt (in dem Zusammenhang völlig unpassend) der Song von Höhner, der kölschen Kultband, ist den Sinn: „Schenk mir dein Herz, ich schenk' dir mein's, nur die Liebe zählt“. Wie banal das klingt, wenn einer tatsächlich ein neues Herz braucht, mit dem Herzen eines anderen lebt. Und doch: Ist es nicht genau das? Nur die Liebe zählt. Ist nicht auch das Liebe, bereit zu sein, für den Moment des eigenen Todes sein Herz – und andere Organe – her zu schenken? Da lebt dann gewissermaßen etwas von mir in einem anderen weiter, selbst wenn ich nicht mehr „da“ bin.

Schwere Gedanken in fröhlicher Runde unter dem Dortmunder Weihnachtsbaum. Wäre ich – Nein: Bin ich bereit, meine Organe ebenfalls zu spenden für den Fall, dass mir morgen – oder heute? – etwas zustößt? Solange ich hier mit Freuden am Glühweinstand stehe, lache, scherze, guter Stimmung bin, finde ich solche Gedanken ziemlich störend und abwegig. Aber ich brauche nur ab und zu in der Ferne die Sirene eines Rettungswagens wahrnehmen, um mir bewusst zu werden, wie ernst diese Frage ist, und wie schnell mich jene andere Realität einholen kann, wo es auf Leben und Tod geht.

Und da ist noch so eine Erinnerung, die in mir hochkommt. Als für Gerda, eine liebe Freundin, die Entscheidung der Beinamputation unausweichlich war, habe ich sie - mit Verweis auf die Bibel - zugegebenermaßen etwas herb zu trösten versucht: „Du kannst auch mit einem Bein in den Himmel kommen.“ Warum nicht auch ich, wenn es drauf ankommt, mit einem verschenkten Herzen?

Ruhr Nachrichten
26. November 2018

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