Monatskolumne

Der vergessene Krieg

Kürzlich ein überraschendes Wiedersehen. Tim, seit einem Jahr in der Ost-Ukraine, arbeitet für eine politische Stiftung in Charkiw. Die Begegnung weckt Erinnerungen an einen fast schon vergessenen Krieg, unmittelbar vor der europäischen Haustür. Auch heute noch sterben jede Woche dort Menschen; über 500 Zivilisten allein im letzten Jahr. Der lange Schatten des Kriegs reicht bis nach Charkiw, der Metropole im Nordosten, 250 Kilometer entfernt vom Kampfgebiet. Da sind nicht nur die 1,5 Millionen Flüchtlinge, die aus der umkämpften Zone hier Zuflucht gesucht haben: auf der Suche nach Wohnung und Arbeit, nach finanzieller Unterstützung und vor allem menschlicher Zuwendung. Da sind die verwundeten und traumatisierten Soldaten, die sich ins Leben zurückkämpfen und doch oft scheitern; über 500 Veteranen haben sich seit 2014 das Leben genommen. Menschliche Schicksale, von denen wir im behüteten Westen so gut wie nichts mitbekommen.

Tim erzählt von Pavel, 30 Jahre, einem Mann der leisen Töne, ganz untypisch für einen Soldaten. Zwei Jahre lang kämpfte er für sein Land in der Region Donezk. Jede Nacht wiederholt sich der gleiche Traum. Wochenlang. Plötzlich tauchen Panzer vor ihm auf, ein zweistündiges Gefecht beginnt. Am Ende

sterben acht Soldaten, zwölf sind verwundet. Als Binnenflüchtling zieht er nach seinem Einsatz aus dem Konfliktgebiet nach Charkiw, gemeinsam mit seiner Familie. Mittlerweile arbeitet er dort für die Caritas - wie so viele, die in dieser Metropole gestrandet sind und sich selbst um jene kümmern, denen es noch schlechter geht. So auch Jelena aus Lugansk, die ihre beiden Kinder nur vorübergehend in Sicherheit bringen wollte und nun schon seit drei Jahren in Charkiw festsitzt. Die 32-jährige arbeitet ehrenamtlich für die Hilfsorganisation „Ukrainian Frontiers“ und hört jeden Tag den Geflüchteten zu, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Ein wenig Menschlichkeit in einem leidgeprüften Land.

Aber da ist auch die junge Generation. Während der blutigen Auseinandersetzungen der „Revolution der Würde“ auf dem Maidan wendeten sich viele Ukrainer der Religion zu. Besonders die jungen Leute entdeckten Gott für sich, und mancher erinnert sich an ein altes Sprichwort: „Im Krieg gibt es keine Atheisten“. Doch es gibt Zweifel, ob der Trend anhält. Am Ende sind es nicht die schönen Worte oder huldreichen Gesten, sondern die konkreten Taten: helfen, wo es Not tut. Eben darum ist Tim auch schon bald nach unserer Begegnung wieder aufgebrochen. Dorthin, wo es auf seine Kompetenz und Tatkraft ankommt, aber auch auf seine politische und persönliche Überzeugung. Kein Zweifel: Woraus er lebt, das strahlt auch aus.


Ruhr Nachrichten
3. September 2018

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