Monatskolumne

Traumfänger

Kürzlich im Stadtverkehr. Ich hatte es mal wieder eilig, um noch rechtzeitig zu einem Termin zu kommen. Vor mir auf der Straße ein, wie es aussah, lustvoll langsam fahrendes Auto – ob auf der Suche nach einem Parkplatz oder einer Hausnummer, war nicht zu erkennen. Vielleicht genoss da jemand auch einfach nur die Gegend oder die Vorzüge des noch nicht autonomen Fahrens.

Als wir beide an der roten Ampel hielten, sah ich es: An der Frontscheibe des vorausfahrenden Autos baumelte ein Traumfänger. Ein indianisches Kultobjekt, das Bekenntnis zu einem naturverbunden-ursprünglichen Lebensgefühl, in dieser Konstellation vielleicht aber auch eine (unbewusste?) Provokation für allzu ungeduldig-forsche, zivilisatorischen Zwängen unterliegende Verkehrsteilnehmer. Wie dem auch sei: irgendwie passte jenes indianische Symbol zur Fahrweise meines Vordermanns. Denn der Traumfänger soll ja (einmal abgesehen davon, dass er den Schlaf verbessert), laut Wikipedia dazu dienen, „dass die guten Träume durch das Netz gingen, die schlechten im Netz hängen blieben und später durch die Morgensonne neutralisiert würden.“ Das wäre in der Tat nicht die schlechteste Wirkung, wenn eine solche Vorrichtung auch im Verkehr dazu beitrüge, die weniger freundlichen Gedanken und Verwünschungen anderer abzuwehren und an der Windschutzscheibe umzulenken.

Im übrigen: Sich von guten Träumen leiten zu lassen, den eigenen Sehnsüchten zu folgen - wenn man einmal die Kunst des Fahrens im übertragenen Sinn auf das eigene Leben bezieht: das macht ja auch durchaus Sinn. Vielleicht sollte ich tatsächlich mehr auf meine guten Gedanken achten, meine tieferliegenden Wünsche und Ziele - und auch auf die guten Mächte, an die ich glaube und die mir Halt, Orientierung und Perspektive geben. Das würde wohl davor bewahren, kurzatmig und gestresst durchs Leben zu rauschen, gehetzt und gestresst auf der Suche nach dem vermeintlichen Glück, das doch nicht außerhalb von mir, sondern in mir ist. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, dazu hatte sich Dietrich Bonhoeffer, von den Nazis in Haft genommen, noch kurz vor seiner Hinrichtung bekannt: „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“.

Ein freundliches Hupen ließ mich an der Ampel wieder aufschrecken. Während ich, vom Traumfänger verleitet, meinen eigenen Gedanken nachhing, hatte sich das „Traumfänger-Auto“ bereits davongemacht, zügiger übrigens als zuvor, beflügelt vielleicht von guten Gedanken und – wer weiß – von einem klaren Ziel.


Ruhr Nachrichten
4. Juni 2018

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