Macht und Moral
„Wer die Macht hat, hat das Sagen – und macht, was er will.“ So einfach ist das. So scheint es zumindest. Wer jene skurrile Szene im Oval Office verfolgt hat, konnte miterleben, wie der Präsident eines kriegsgebeutelten Landes vor laufenden Kameras vorgeführt, abgekanzelt und gedemütigt wurde. Der Vorwurf: fehlende Dankbarkeit und mangelnde Unterwürfigkeit. Ein offensichtlich kalkuliert aggressives Dominanzverhalten des selbsternannten Weltenlenkers im Weißen Haus, der nicht nur jede zivilisierte Umgangsform vermissen lässt, sondern unverblümt weltpolitischen Machtanspruch erhebt – gnadenlos, wenn es sein muss. Die Blaupause für den derzeitigen Abbau der Demokratie in den USA und die Etablierung einer rechtsautoritären „Herrschaft“ findet sich bereits im ultrakonservativen Manifest „Project 2025“ der Heritage Foundation; und was „Herrenmenschen“ in ihrer Machtbesessenheit anstellen können, haben wir in Deutschland ja leidvoll erfahren – mit verheerenden Folgen für die Weltgesellschaft.
Die rasante Abkehr der neuen Machthaber von der wertegeleiteten, regelbasierten Nachkriegsordnung erinnert daran, wie sich damals in Nazi-Deutschland innerhalb kürzester Zeit der moralische Referenzrahmen verschoben hat: wie der bürgerliche Humanismus deutscher Eliten in eine Moral des „Herrenmenschentums“ umschlug und hierdurch Genozid und Vernichtungskrieg in den Bereich des sittlich Möglichen rückten. Moral, so die umgedeutete Rechtsauffassung, sollte nicht mehr den Schwächeren vor dem Stärkeren schützen und dadurch den Stärkeren behindern. Vielmehr sollte an die Stelle tradierter Moral eine „Herrenmoral“ treten, die es dem zur Herrschaft Berufenen ermöglichte, ein gutes Gewissen zu behalten (Wolfgang Bialas). So nimmt es nicht wunder, dass der neue starke Mann im Weißen Haus für sich bereits den Friedensnobelpreis reklamiert („Ich verdiene ihn“): der sich für den „guten Menschen“ hält, der mit einem Pakt mit Putin binnen weniger Wochen den Krieg in der Ukraine beendet und den zerstörten Gaza-Streifen nach der Umsiedlung der dortigen Bevölkerung zur Riviera macht.
All das, so scheint es, sind keine guten Aussichten, und uns Christen wird dieser Tage vielleicht aufs Neue bewusst, dass wir herausgefordert sind, uns mit aller Kraft für das Gute einzusetzen, für Gerechtigkeit und Frieden, für Menschenwürde und Menschenrechte: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,21). Wir sind nicht naiv, aber wir dürfen auch heute der Zusage Jesu trauen: „Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Joh 16,33)